Dieser Beitrag geht auf eine Podcastfolge von Dr. Veronika Klein zurück und wurde anhand der aktuellen Studienlage überarbeitet. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung deines Pferdes. Über Diagnostik und Behandlung entscheidet deine Tierärztin.
Das Wichtigste in Kürze
» Zwischen 10 und 60 Prozent aller gesunden Pferde tragen Borrelien-Antikörper. Ein positiver Test belegt Kontakt, keine Erkrankung.
» Eine deutsche Fall-Kontroll-Studie fand bei Pferden mit unklarer Lahmheit keine höhere Seroprävalenz als bei gesunden Stallgefährten.
» Nur vier Krankheitsbilder sind belegt: Neuroborreliose, Uveitis, kutanes Pseudolymphom und Nuchal-Bursitis. Unklare Lahmheit gehört nicht dazu.
Es gibt in der Pferdewelt ein Muster, das sich hartnäckig hält: Ein Pferd lahmt wechselnd, wirkt matt oder ist schwer rittig. Niemand findet eine Ursache. Also wird Blut abgenommen und auf Borreliose getestet. Der Test kommt positiv zurück, und damit scheint die Sache geklärt.
Sie ist es nicht. Und das ist keine Meinung, sondern lässt sich inzwischen mit Zahlen belegen. Dieser Beitrag zeigt dir, warum ein positiver Antikörpertest so wenig aussagt, welche Krankheitsbilder tatsächlich gesichert sind und wie eine Diagnose aussieht, die diesen Namen verdient.
Wie Borrelien überhaupt ins Pferd kommen
Borreliose wird durch Bakterien der Gruppe Borrelia burgdorferi ausgelöst, übertragen durch Zecken. In Europa ist das der Gemeine Holzbock, Ixodes ricinus. Frei in der Umwelt überleben die Erreger nicht.
Im Darm der Zecke sitzen die Borrelien zunächst ruhig. Erst wenn die Zecke Blut saugt, werden sie aktiv: Sie vermehren sich, werden beweglich und bilden auf ihrer Oberfläche neue Proteine aus. Diese Oberflächenproteine tragen die Namen, die dir auf einem Laborbefund begegnen, also OspA, OspC und OspF. Dann wandern sie in die Speicheldrüse der Zecke und gelangen von dort mit dem Speichel ins Pferd.
Dieser Umbau braucht Zeit. Für die europäischen Stämme liegt die nötige Saugdauer bei etwa 12 bis 24 Stunden. Das ist eine gute Nachricht, denn daraus folgt die wirksamste Vorbeugung, zu der wir am Ende kommen.
Im Pferd bildet das Immunsystem Antikörper, und zwar mit deutlicher Verzögerung: Messbar werden sie erst nach zwei bis sechs Wochen. Ein Test unmittelbar nach dem Zeckenstich ist deshalb zwangsläufig negativ, selbst wenn eine Übertragung stattgefunden hat.
Die Zahl, die alles verändert
Hier wird es entscheidend. In europäischen Endemiegebieten tragen je nach Region zwischen 10 und über 60 Prozent aller gesunden Pferde Antikörper gegen Borrelien. Die Zahl dokumentierter, kausal gesicherter Krankheitsfälle liegt dagegen im Promillebereich.
Diese Lücke ist der Kern des Problems. Antikörper belegen, dass ein Pferd Kontakt mit dem Erreger hatte. Über eine Erkrankung sagen sie nichts.
Wie wenig, zeigt eine deutsche Fall-Kontroll-Studie von Gehlen und Kollegen aus dem Jahr 2023. Untersucht wurden 123 Pferde mit Borreliose-Verdacht, also mit Lahmheit, Leistungsabfall oder Apathie, und dazu 113 klinisch gesunde Kontrollpferde aus denselben Ställen. Das Ergebnis:
- Pferde mit Verdacht: 23,0 Prozent seropositiv
- Gesunde Kontrollpferde: 17,0 Prozent seropositiv
- Der Unterschied ist statistisch nicht signifikant (p = 0,371)
Im Klartext: Pferde, die wegen unklarer Lahmheit oder Mattigkeit vorgestellt wurden, waren nicht häufiger seropositiv als ihre beschwerdefreien Stallnachbarn. Ein positiver Titer erklärt die Symptome also nicht.
Dazu passt eine amerikanische Verlaufsstudie von Funk und Kollegen (2016): Von einem gesunden Bestand waren zu Beginn 33 Prozent seropositiv. Über einen Beobachtungszeitraum von bis zu drei Jahren entwickelte keines dieser unbehandelten Pferde eine Borreliose.
Ein Vergleich aus der Menschenwelt macht es greifbar: Du bist vermutlich gegen Tetanus geimpft und hast entsprechende Antikörper im Blut. Erkrankt bist du deshalb nie, und du wirst es auch nicht. Antikörper sind eine Spur der Vergangenheit, keine Diagnose der Gegenwart.
Was Borreliose beim Pferd wirklich auslöst
Als gesichert gilt ein Zusammenhang in der Veterinärmedizin erst, wenn der Erreger direkt im veränderten Gewebe nachgewiesen wurde, typische Entzündungsmuster vorliegen und andere Ursachen ausgeschlossen sind. Diese Hürde nehmen genau vier Krankheitsbilder.
Die Neuroborreliose
Am besten dokumentiert, unter anderem durch eine Auswertung von 16 Sektionsfällen mit Gewebe-PCR und dem Nachweis, dass Antikörper im Nervenwasser selbst gebildet werden. Das Bild ist ernst und fortschreitend: Zunehmende Ataxie und Schwäche, Ausfälle von Hirnnerven mit Schluckstörungen oder einer Gesichtslähmung, Verhaltensänderungen von Schläfrigkeit bis Aggression, Überempfindlichkeit gegen Berührung und örtlicher Muskelschwund.
Die borrelienassoziierte Uveitis
Eine Augenentzündung, gesichert über den Nachweis von Borrelien-DNA oder von Antikörpern, die im Auge selbst gebildet werden. Wichtig ist die Abgrenzung: Sie verläuft eher chronisch, während die weit häufigere equine rezidivierende Uveitis in Schüben kommt.
Das kutane Pseudolymphom
Schmerzlose, derbe Hautknoten, meist an Kopf, Hals oder Schulter, an der Stelle eines früheren Zeckenstichs. Belegt durch Histologie, PCR aus der Biopsie und Abheilung nach gezielter Behandlung, dokumentiert etwa in diesem Fallbericht.
Die Nuchal-Bursitis
Eine Entzündung des Schleimbeutels am Nackenband. Neuere Untersuchungen konnten Borrelien-DNA direkt aus dem Punktat nachweisen, beschrieben in diesem Fallbericht.
Und was nicht belegt ist
Nun die andere Seite, und die ist unbequem. Für die Symptome, die im Stall am häufigsten der Borreliose zugeschrieben werden, fehlt der wissenschaftliche Nachweis eines Zusammenhangs vollständig. Das betrifft wechselnde Lahmheiten, allgemeine Steifheit, Rückenschmerzen, Berührungsempfindlichkeit, Leistungsabfall, Apathie, Gewichtsverlust und Verhaltensauffälligkeiten.
In Feldstudien zeigten seropositive Pferde keine höhere Rate an Lahmheit oder Steifheit als seronegative.
Den stärksten Beleg liefern experimentelle Infektionsstudien der Cornell University. Ponys wurden gezielt über infizierte Zecken infiziert. Alle bildeten Antikörper, und in der späteren Aufarbeitung ließen sich die Erreger in Bindegewebe, Sehnen, Faszien, Gelenkinnenhaut und rund um Gefäße im Nervensystem nachweisen, begleitet von milden Entzündungszeichen. Und trotzdem: Kein einziges dieser Ponys entwickelte über bis zu ein Jahr klinische Krankheitszeichen. Keine Lahmheit, kein Fieber, keine Gelenkschwellung, keine neurologischen Ausfälle.
Das Immunsystem des Pferdes kontrolliert den Erreger im Gewebe offenbar so gut, dass die stumme Infektion der Regelfall ist. Über 99 Prozent der infizierten Pferde werden nie krank.
Warum der Bluttest allein nicht reicht
Die gängigen Screening-Verfahren, ELISA und Immunfluoreszenztest, arbeiten mit ganzen Bakterienbestandteilen. Dadurch erfassen sie auch Antikörper, die eigentlich gegen verwandte Bakterien gerichtet sind, und liefern entsprechend häufig falsch positive Ergebnisse. Ein positiver Screening-Test allein hat deshalb keinen diagnostischen Wert und muss bestätigt werden.
Genauer wird es mit Verfahren, die einzelne Oberflächenproteine messen. Wie unterschiedlich die verfügbaren Testsysteme abschneiden, zeigt ein Vergleich dreier Immunoassays. Aus deren Muster lässt sich der zeitliche Verlauf ablesen:
- OspC positiv, OspF negativ: Hinweis auf eine frische Infektion, etwa zwei bis fünf Monate zurückliegend
- OspC und OspF positiv: Hinweis auf eine länger bestehende, aktive Auseinandersetzung
- OspC negativ, OspF positiv: Zurückliegender Kontakt, der Titer kann jahrelang bestehen bleiben
- OspA positiv: Spricht für Impfantikörper
Ein negativer Test schließt eine Infektion übrigens nicht aus. Drei Gründe kommen dafür infrage: Der Test fiel in die Lücke vor der Antikörperbildung, der Erreger sitzt in einem Bereich, den das Immunsystem schlecht erreicht, etwa im Auge oder im Nervensystem, oder es liegt eine Immunschwäche vor.
Daraus folgt ein wichtiger Punkt: Bei Verdacht auf Neuroborreliose oder eine Augenbeteiligung ist die Blutuntersuchung allein wertlos. Dann müssen Blut und Nervenwasser beziehungsweise Kammerwasser parallel untersucht und ins Verhältnis gesetzt werden.
Der direkte Erregernachweis wäre der Königsweg, ist aber schwierig. Borrelien binden sich fest an Bindegewebe und schwimmen kaum frei in Körperflüssigkeiten. Eine negative PCR aus Gelenkflüssigkeit oder Nervenwasser schließt deshalb nichts aus. Aus Vollblut ist sie ganz ohne Wert, weil die Erreger sich dort nur ganz kurz aufhalten. Aus verändertem Gewebe wie einem Hautknoten oder dem Schleimbeutel dagegen funktioniert sie gut.
Wann die Diagnose als gesichert gilt
Das Konsensuspapier des American College of Veterinary Internal Medicine unter Leitung von Thomas Divers ist hier die maßgebliche Referenz, und die europäischen Fachgesellschaften folgen ihm. Vier Punkte müssen zusammenkommen:
- Klinische Symptome, die zu einem der vier belegten Krankheitsbilder passen
- Nachweis einer Auseinandersetzung mit dem Erreger über ein spezifisches Testverfahren
- Lückenloser, dokumentierter Ausschluss der häufigeren Erkrankungen
- Erregernachweis oder typisches Entzündungsmuster in der Gewebeprobe des betroffenen Organs
Der wichtigste dieser Punkte ist der dritte. Das Konsensuspapier stellt die Reihenfolge klar: Erst werden orthopädische, neurologische und augenheilkundliche Ursachen abgeklärt, dann kommt der Borreliosetest. Nicht umgekehrt.
Ebenso deutlich ist die Aussage zur Behandlung symptomloser Pferde mit positivem Titer: Davon wird ausdrücklich abgeraten. Sie verursacht Kosten, birgt das Risiko schwerer Nebenwirkungen bis hin zu lebensbedrohlichen Darmentzündungen und widerspricht dem verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika.
Was viel häufiger dahintersteckt
Weil eine echte Borreliose so selten ist, lohnt der Blick auf die Alternativen. Für jeden Symptomkomplex gibt es Erkrankungen, die um ein Vielfaches wahrscheinlicher sind.
Bei Lahmheit und Steifheit stehen Arthrosen ganz oben, dazu Muskelerkrankungen wie PSSM, Sehnen- und Bandschäden wie der Fesselträgerschaden, Hufrehe und Kissing Spines.
Beim entzündeten Auge ist die equine rezidivierende Uveitis die mit Abstand häufigste Ursache, zu über 80 Prozent durch Leptospiren oder Autoimmunprozesse ausgelöst. Sie ist um ein Vielfaches häufiger als eine borrelienbedingte Uveitis. Mehr dazu im Beitrag über die periodische Augenentzündung. Und bevor man überhaupt so weit denkt: Ein tränendes Auge kommt meist schlicht von Fliegen, Wind oder einer Bindehautentzündung.
Bei neurologischen Ausfällen kommen das Wobbler-Syndrom, die Herpes-Myeloenzephalopathie, ein Vitamin-E-Mangel und Verletzungen der Halswirbelsäule in Betracht.
Bei Hautveränderungen sind das equine Sarkoid, Melanome und Hautpilz sehr viel häufiger.
Bei Leistungsabfall und Mattigkeit stehen Magengeschwüre an erster Stelle, dazu equines Asthma und die granulozytäre Anaplasmose, die ebenfalls von Zecken übertragen wird und im Gegensatz zur Borreliose ein akutes, deutliches Krankheitsbild mit hohem Fieber macht.
Zur Behandlung
Wird eine Borreliose tatsächlich gesichert, ist auch die Therapie kein einfaches Kapitel. Der Grund liegt in der Pharmakologie: Antibiotika müssen ins Gewebe gelangen, und genau daran hakt es beim Pferd.
Besonders aufschlussreich ist der Befund zu Doxycyclin, das oral gegeben wird und deshalb naheliegt. Seine Bioverfügbarkeit liegt beim Pferd bei etwa 2 bis 6 Prozent. In den experimentellen Studien verfehlte es bei mehreren Ponys das Ziel, den Erreger aus dem Gewebe zu entfernen. Zuverlässig gelang das nur mit intravenös verabreichtem Oxytetracyclin, das allerdings erhebliche eigene Risiken mit sich bringt. Auch Laboruntersuchungen zur Empfindlichkeit der Erreger gegenüber den gängigen Wirkstoffen zeigen, wie eng das Fenster ist.
Behandelt wird über 28 bis 30 Tage, weil kürzere Intervalle hohe Rückfallraten haben. Borrelien ziehen sich in schlecht durchblutetes Gewebe wie Sehnen, Knorpel und Faszien zurück, wo sie schwer erreichbar sind. Eine Titerkontrolle ist frühestens drei bis sechs Monate nach Behandlungsende sinnvoll, und ein weiterhin hoher Titer ohne Symptome ist kein Grund für eine erneute Antibiose.
Welches Mittel in welcher Dosierung infrage kommt, entscheidet deine Tierärztin. Erwähnt sei nur, dass für Akupunktur und Kräutermischungen bei diesem Krankheitsbild keine kontrollierte Evidenz vorliegt. Alle positiven Berichte dazu beruhen auf Einzelbeobachtungen ohne Vergleichsgruppe.
Vorbeugen: Das Wirksamste ist das Einfachste
Eine für Pferde zugelassene Impfung gibt es nicht. In Endemiegebieten werden gelegentlich Hundeimpfstoffe außerhalb der Zulassung eingesetzt. Der Wirkmechanismus ist elegant: Die Antikörper des Pferdes gelangen beim Saugen in den Zeckendarm und neutralisieren die Borrelien dort, bevor sie überhaupt in die Speicheldrüse wandern. In der Praxis fällt der Schutz allerdings schnell ab, sodass alle sechs Monate nachgeimpft werden müsste. Die Fachgesellschaften raten von einer routinemäßigen Impfung ab, weil belastbare Studien für das Pferd fehlen und die Erkrankungsrate ohnehin verschwindend gering ist.
Zeckenmittel auf Pyrethroid-Basis wirken grundsätzlich, aber ihre Schutzdauer ist beim Pferd durch Schwitzen, Regen und Wälzen stark begrenzt, oft auf 12 bis 24 Stunden. Ein lückenloser chemischer Schutz über die Saison ist unrealistisch.
Damit bleibt die schlichteste Maßnahme die beste: Das tägliche Absuchen nach dem Weidegang. Weil die Übertragung 12 bis 24 Stunden Saugzeit braucht, verhindert eine zeitnah entfernte Zecke die Infektion zuverlässig. Greif sie hautnah und zieh sie heraus, ohne den Hinterleib zu quetschen, damit der Darminhalt nicht in die Wunde gepresst wird.








